#7 LA BOUME

Der größte Schatz unserer Arbeit. Das Wertvollste an unserer Arbeit ist nicht das Hotel. Es sind die Menschen, denen wir begegnen.
Einer der schönsten Gründe zu reisen ist doch, neue Orte und neue Menschen kennenzulernen – Menschen, denen man im Alltag wahrscheinlich nie begegnet wäre.
Und wer Reisende willkommen heißen darf, hat das große Glück, selbst immer wieder ein kleines Stück mitzureisen.

Nach mehr als siebzig Jahren haben wir viel Erfahrung darin gesammelt, Menschen kennenzulernen.
Vor allem aber haben sich zwischen den Mauern des Brione unzählige Erinnerungen angesammelt. Ein Schatz, dessen Wert sich längst nicht mehr messen lässt.

Unser Vater ist der wichtigste Hüter dieser Geschichten. Er war eigentlich immer hier. Zuerst als neugieriger Junge, der seiner Mutter durchs Hotel folgte, als sie hier zu arbeiten begann.
Später als einer der Menschen, die jede einzelne Etappe dieser besonderen Geschichte miterlebt haben.
Man kann es eigentlich ganz einfach sagen: Er kennt fast jeden Gast, der jemals im Brione Urlaub gemacht hat.

Gastfreundschaft ist vor allem eine Herzensangelegenheit.
Diesen Beruf kann man nicht ausüben, wenn das Herz keinen Platz für Erinnerungen hat.
Wenn Begegnungen einen nicht berühren.

Deshalb ist unsere Arbeit alles andere als nüchtern. Reservierungen. Übernachtungen. Servierte Mahlzeiten. Jahresumsätze. Natürlich zählen auch diese Zahlen. Aber sie erzählen nie die ganze Geschichte. Am Ende entscheiden die Gefühle.
Haben wir jemanden herzlich genug empfangen?
Ist es uns gelungen, Nähe zu zeigen, ohne aufdringlich zu sein?
Haben wir auf die kleinen Dinge geachtet?

Wenn etwas nicht gelungen ist…
…spürt man es.
Und manchmal liest man es später auch in einer Bewertung.

Es gibt aber noch eine andere Form von Traurigkeit. Gäste, die viele Jahre lang immer wieder zu uns gekommen sind…
…und plötzlich nicht mehr.
Manche erzählen uns warum.
Das Leben hält leider immer wieder Krankheiten, Veränderungen und Abschiede bereit. Andere verschwinden einfach.
Ohne Erklärung.

Gerade weil unsere Arbeit so sehr von Beziehungen lebt, fallen solche Abwesenheiten auf.
Dann beginnen wir nachzudenken. Meist kennen wir die Antwort eigentlich schon. Die Kinder sind erwachsen geworden. Die Familie verbringt ihren Urlaub heute anders. Ein lang gehegter Reisetraum wurde endlich Wirklichkeit. Neue Hobbys sind dazugekommen. Oder ein Hund hat den Familienalltag verändert und damit auch die Urlaubsgewohnheiten.

Manchmal kommt nach vielen Jahren doch noch jemand vorbei, einfach um Hallo zu sagen. Oder Kinder oder Freunde überbringen herzliche Grüße.

Und manchmal sehen wir jemanden am Hotel vorbeigehen. Er schaut nicht herüber. Er geht einfach weiter. Gesichter, die wir sofort wiedererkennen.
Menschen, die viele Jahre zum Brione gehörten…
…und sich irgendwann für einen anderen Ort entschieden haben.

So ist das Leben.
Ein bisschen wie eine große Liebe, bei der man glaubt, alles sei gut…
…bis der andere eines Tages sagt, dass es Zeit ist weiterzugehen.

Natürlich ist das hier auch unser Beruf.
Wir wissen, dass Urlaub Geld kostet. Wir wissen auch, dass unsere Renovierungen das Brione verändert haben und dass nicht jeder diese Veränderungen gleich empfindet.
Und manchmal liegt der Grund vielleicht tatsächlich bei uns. Ein unausgesprochenes Wort. Eine kleine Aufmerksamkeit, die gefehlt hat. Oder die falsche Annahme: „Sie kennen uns doch ohnehin.“

Natürlich tut das weh.
Nicht aus Groll. Sondern weil wir zuerst bei uns selbst nach den Gründen suchen.

Die Erinnerungen unserer Gäste bewahren zu dürfen, ist eine große Ehre. Mit jedem Jahr werden wir dadurch ein Stück reicher.
Selbst die kleinen Stacheln, die manchmal im Herzen bleiben, erinnern uns daran, wie schön die gemeinsame Zeit gewesen ist.

Seit dem ersten Tag sind inzwischen 73 Jahre vergangen.
Wie lang unser gemeinsamer Weg wohl noch sein wird?

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